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Die Technik des Okinawa Shorin Ryu Shidokan Karatedo


Über den Unterschied zwischen
japanischem Karatedo und Okinawa Karatedo.

Oft werde ich gefragt, was das Okinawa Karatedo vom japanischen Karatedo unterscheidet.

Auf den ersten Blick kann ein Laie auch kaum einen Unterschied zwischen japanischem Karatedo und den Techniken des Okinawa-Karatedo erkennen. Dieser Eindruck ist jedoch nur ein oberflächlicher. Dem Kenner, oder zumindest dem, der sich bemüht, ein Karateka zu werden, erschließen sich relativ schnell die grundlegenden Unterschiede.

Matsumura no Passai

Age Uke mit Gedan Barai

Uchi Ude Uke

Uchi Ude Uke - Großmeister Miyahira Katsuya erläutert die korrekte Durchführung

Soto Ude Uke

Soto Ude Uke



Oberflächliche Unterschiede:
Soto Ude Uke oder Uchi-Ude-Uke?

Es gibt auch einige oberflächliche Unterschiede, z.B. werden teilweise unterschiedliche Namen für Kata oder einzelne Techniken verwendet. Oft wird mir z.B. die Frage gestellt, warum man von der gleichen Technik im Okinawa Shorin Ryu Karatedo als Soto Ude Uke und im japanischen Shoto Kan Ryu als Uchi Ude Uke spricht. Was ist nun richtig?.

Wenn man sich nicht bereits mit der Antwort zufrieden gibt, dass Karatedo ursprünglich auf Okinawa entstanden ist und dass sich das japanische Karatedo erst daraus entwickelt hat und nicht etwa umgekehrt, liegt der Schlüssel in der richtigen Frage: Wohin führt der Weg der Technik?

Hinter der Bezeichnung 'Gedan Barai' verbergen sich 'Gedan'=Unterstufe und 'Barai'=Fegen. Die Technik führt von oben nach unten. Gleiches gilt für 'Age Uke': 'Age' bedeutet heben, also von unten nach oben. Diese Bezeichnungen sind einheitlich. Das angewendete Prinzip heißt, 'Wohin führt die Technik?' und nicht 'Woher kommt die Technik?'

Wendet man dies auf die Bezeichnung 'Soto Ude Uke' an, ergibt sich folgendes: 'Soto' bedeutet 'außen', 'Ude' heißt 'Unterarm' und 'Uke' 'Abwehr'. Legt man das gleiche Prinzip wie für Gedan Barai und Age Uke zugrunde (wohin führt die Technik?), ist auch klar, worum es hier gehen muss: Die Technik führt von innen nach außen. Gleiches gilt für 'Uchi Uke': 'Uchi' bedeutet 'innen', die Technik führt also nach innen. Es gibt keinen logischen Grund, warum man bei der Bezeichnungen der vier grundlegenden Abwehrtechniken mit dem Unterarm zwei unterschiedliche Prinzipien zugrunde legen sollte. Geht man davon aus, dass es darum geht, wohin die Technik führt, lässt sich die Frage von Soto Ude Uke und Uchi Ude Uke ganz leicht klären.

Wenn ich diese Frage beantworte, sage ich immer auch Folgendes dazu: Für mich persönlich und für das Erlernen von Karatedo ist die Frage der richtigen Benennung nicht die wichtigste. Das Wichtigste ist die praktische Übung. Hier liegt die Essenz des Budo. Theorie und Praxis sind wie Tag und Nacht, wenn man Budo zerredet -

Übung macht den Meister


Grundlegende Unterschiede

Um das jeweilige Wesen zu erkennen, muss man das japanische und das Okinawa Karatedo getrennt voneinander betrachten. Beide fußen bereits auf unterschiedlichen Traditionen. Sie haben eine unterschiedliche Herkunft und Geschichte.

Der Unterschied wird bereits klar, wenn man sich die geographischen Gegebenheiten verdeutlicht. Die Insel Okinawa ist die Hauptinsel des sogenannten Ryu-Kyu-Archipels im Südpazifik. Politisch gehört sie zwar zu Japan, geographisch liegt sie jedoch wesentlich näher an China. Zwischen Okinawa und Tokyo liegt ungefähr die gleiche Entfernung wie zwischen Frankfurt am Main und Barcelona.

Allein die unterschiedlichen kulturellen Einflüsse, die sich aus der jeweiligen geographischen Lage ergeben, haben natürlich auch eine unterschiedliche Praxis des Budo zur Folge. Verdeutlicht man sich die verschiedenen Einflüsse genauer, ist es schon fast selbstverständlich, dass Unterschiede nicht nur in der unmittelbaren Technik bestehen.




Karte Okinawa

Die geographische Lage Okinawas

Für die Ausführung jeder Technik
braucht es den ganzen Menschen


Zwar kann man grob festhalten, dass die wesentlichen Unterschiede zum japanischen Karatedo in den Stellungen, den Bewegungsabläufen und in der eigentlichen Ausführung der Technik liegen. Die stilentsprechende Technik aber ist das Ergebnis einer ganzen Reihe von Faktoren. Dabei ist gerade das, was sich außerhalb der bloßen Technik abspielt, von großer Bedeutung. Die Palette reicht hier von den entsprechenden Stellungen, der richtigen Körperhaltung, der rechten Atmung, der richtigen Bewegung bis zur richtigen geistigen Einstellung - erst das Zusammenspiel all dieser Aspekte macht die typische Technik aus. Dafür braucht es den ganzen Menschen. Beachtet man dies nicht, entfernt man sich innerhalb kürzester Zeit von dem, was man eigentlich tun möchte.

Shiko Ashi Dachi mit Morote-Haito-Barai


Moto Dachi



Okinawa Shorin Ryu Shidokan Karatedo

Auf das japanische Karatedo und seine Techniken möchte ich hier jedoch nicht weiter eingehen. An dieser Stelle soll es vorrangig um die Botschaft des Stils gehen, den ich selbst unterrichte. Ich möchte das Okinawa Shorin Ryu Shidokan Karatedo etwas näher erläutern.

Im Zentrum des Okinawa Shorin Ryu Shidokan Karatedo stehen schnelle, energische Bewegungen. Jede einzelne Technik soll so ausgeführt werden, als hänge das eigene Leben von ihr ab. Deshalb werden realistische Stellungen bevorzugt, wie z. B. Moto Dachi. Es gibt zwar auch tiefe Stellungen, generell werden aber etwas höhere, natürliche Stellungen bevorzugt.


Ein weiteres, wichtiges Kennzeichen des Okinawa Shorin Ryu Shidokan Karatedo ist die feste Verbindung der einzelnen Übungsinhalte miteinander: Die Arbeit am Kihon, an Kata und am Kumite wird mit der Arbeit am Makiwara verknüpft. Das ist die Bedeutung des Satzes 'ohne Makiwara gibt es kein traditionelles Okinawa Karatedo'.

Die Übung gliedert sich in das Kihon (die Grundschule), die Übung der Form (Kata), des Bunkai (Anwendung), des Kumite (Zweikampf) und des Makiwara. Für alle diese Teile gelten die gleichen Grundsätze: Die Schultern sollten gesenkt, der Kopf erhoben sein und die Atmung sollte natürlich sein.

Übung am Makiwara, Honbu Dojo auf Okinawa

Sensei Laupp am Makiwara im Honbu Dojo, Okinawa

Sensei Laupp und Sensei Blum auf Okinawa


Weiterhin kennzeichnend für unsere Stilrichtung ist, dass Ausweichen, Block und Kontertechnik in einer Zeit vereinigt werden und nicht nacheinander im Sinne einer Dreistufigkeit erfolgen. Große Ausholbewegungen gibt es nicht. Bewegungen sollten möglichst direkt ausgeführt werden. Die Bewegung eines Shorin Ryu Karateka gleicht einem Falken im Flug.

Bevor ich im Folgenden auf die einzelnen Bestandteile der Übung eingehe, möchte ich jedoch noch eines bemerken: Ob Kihon, Kata, Bunkai oder Kumite - letztlich dient die Übung der Technik geistig wie körperlich nur als Hilfsmittel für die Übenden, um sich selbst kampflos zu besiegen. Es geht um Selbsterkenntnis im eigenen Leben.



Geschrieben im Januar 2003



Sensei Laupp, 7. Dan Kyoshi

OSSKD

 


Das Üben der Kihon Technik
Das Üben der Kata Technik
Bunkai - Die Anwendung
Das Üben der Makiwara Technik

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